Deutschland und die Welt / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.11.2000, S. 11

Möhringer unter Mördern

Ein Stuttgarter landet innerhalb eines Jahres mit dem Fallschirm auf allen Erdteilen / Von Alfred Behr

STUTTGART, 23. November. Der 33 Jahre alte Schwabe Klaus Renz aus Stuttgart-Möhringen hat etwas zuwege gebracht, was vor ihm noch kein Mensch schaffte: Er ist innerhalb eines Jahres mit dem Fallschirm in allen "sieben" Kontinenten gelandet. Die eigenwillige Einteilung der Erde in sieben Erdteile hat der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann selbst vorgenommen, indem er die Antarktis mit dazugerechnet und den amerikanischen Kontinent in Nord- und Südamerika zweigeteilt hat. Fallschirmabsprünge in allen diesen Erdteilen, sagt Renz, habe auch schon ein Amerikaner hinter sich gebracht, aber der habe dazu viele Jahre benötigt. Daß er es in nur einem Jahr erledigt habe, sagt Renz, sei nur dank der elektronischen Kommunikationsmittel möglich gewesen, die ihm einen monatelangen Papierkrieg mit den Behörden erspart hätten.

Renz, der es als Fallschirmsportler bis zum deutschen Meister und zum Weltmeister gebracht hat, begann sein "Sieben-Kontinente-Abenteuer" am Neujahrstag dieses Jahres mit einem Sprung in der Antarktis. In einer Höhe von 3500 Metern verließ er das Flugzeug, legte bei einer Temperatur von minus 36 Grad Celsius 2500 Meter im freien Fall zurück und landete auf dem winzigen Camp Patriot Hill inmitten der riesigen Eiswüste. Für die Schönheit der lebensfeindlichen Treibeiswelt um den Südpol hat der Schwabe sein offenbar höchstes Lob bereit: "Dafür lohnt es sich zu frieren." Eigentlich hatte Renz in der Silvesternacht direkt auf den Südpol springen wollen, aber widrige Umstände haben dies unmöglich gemacht. Das Vorhaben soll im kommenden Jahr nachgeholt werden; die Fahne mit der Entfernungsangabe "Möhringen-Südpol 15 416 Kilometer" ist schon fertig.

Kälter noch als in der Antarktis wurde es für Renz im kalifornischen Davis. Dort wurden minus 42 Grad gemessen, als er in einer Höhe von 9300 Metern aus dem Flugzeug sprang und nach mehr als zwei Minuten im freien Fall eine Geschwindigkeit von 350 Kilometern in der Stunde erreichte. Auf solch ein frostiges Unterfangen muß man sich freilich ordentlich vorbereiten. Renz tat das unter anderem in einem Druckkammerlehrgang für Höhensimulation beim Flugmedizinischen Institut der Luftwaffe in Königsbrück bei Dresden. Braucht der "Weltmeister für große Sprünge", wie er sich selbst gern nennt, ein besonderes Fitneß-Training? Renz, 1,85 Meter groß, achtzig Kilogramm schwer, sagt: "Ich springe viel, das ist Training genug." Mit sechzehn Jahren hing er zum ersten Mal am Fallschirm, seitdem hat er 4100 Sprünge absolviert, alle unfallfrei. Daß er sich bislang nicht verletzt hat, schreibt er seiner Erfahrung zu und seinem Wissen darüber, "wo die Grenzen sind".

Im afrikanischen Namibia hat sich Renz vom Kreuz des Südens und der Milchstraße am Nachthimmel faszinieren lassen, und besonders glücklich war er, als er auf der Otjimbojo-Dreamfarm deren Besitzer Hans von Bleyle traf, einen alten Freund aus Stuttgart. Wenn Schwaben einander in ferner Wildnis treffen, bleibt es - und wenn sie sonst noch so wortkarg sind - nicht nur beim knappen "Isch ebbes?". In Yokohama ist Renz dem Landsmann Guido Buchwald begegnet, der nach seiner großen Zeit beim VfB Stuttgart in Japan Fußball spielte und in diesem Jahr noch einmal kurz nach Yokohama kam, um an einer Feier der Deutschen Schule teilzunehmen, auf die einst seine Kinder gingen. In Deutschland hat Renz sich gefreut, daß ihm gestattet wurde, mit dem Fallschirm am Sitz des Bundespräsidenten im Berliner Schloß Bellevue zu landen.

Am aufregendsten aber, sagt Renz, sei es für ihn in Kolumbien gewesen, in Medellín, dem Zentrum der Rauschgiftmafia. In seinem Tagebuch, in das Internet-Benutzer Einblick nehmen können (www.klaus-renz.de), hat er festgehalten: "Sollte mir hier in Kolumbien etwas passieren, dann nicht durch Kriminalität oder das Fallschirmspringen, sondern im mörderischen Straßenverkehr. Die fahren wie die Henker." Grundsätzlich werde vor keiner Verkehrsampel bei Rotlicht gehalten, weil jeder befürchte, beim Ampelhalt von Banditen überfallen zu werden.

Renz hatte die Absicht, mit dem Fallschirm auf dem Hof der Haftanstalt "Bellavista" einzuschweben, um auf seine Weise "ein Zeichen des Friedens" zu setzen. Doch daraus wurde nichts. Denn in einem anderen Gefängnis im Land hatten Häftlinge mehr als tausend Geiseln genommen, worauf es in den anderen Haftanstalten ebenfalls brodelte. Nur im "Bellavista" sei es ruhig gewesen, und vier dort inhaftierte Bandenchefs, die das Gefängnis offenkundig "von innen" steuerten, hätten ihm schriftlich zugesichert, daß ihm, wenn er mit dem Fallschirm komme, kein Haar gekrümmt werde, dafür wollten sie schon sorgen.

Doch der für die Gefängnisverwaltung in Kolumbien zuständige General habe den Sprung aus Sicherheitsgründen untersagt. Es sei ihm aber erlaubt worden, das Gefängnis zu besuchen. Bis dahin hatte Renz noch nie eine Justizvollzugsanstalt von innen gesehen. Was er in Medellín sah, hat ihn tief beeindruckt. In der Haftanstalt mit etwa sechstausend Insassen, so war ihm berichtet worden, seien vor ein paar Jahren noch jeden Monat bis zu fünfzig Gefangene von Inhaftierten ermordet worden. Mit Köpfen der Getöteten sei sogar Fußball gespielt worden. Dank des segensreichen Wirkens der christlich-humanitären Hilfsorganisation "Prison Fellowship International" gehe es jetzt im Gefängnis von Medellín fast gesittet zu. Der Stuttgarter Renz wurde von den kolumbianischen Häftlingen als "El Campeon" willkommen geheißen. Das sei, sagt er heute, "ein unheimliches Gefühl" gewesen.

Er habe auch finstere Typen gesehen, die ihn beobachtet hätten, und er gibt zu: "Da war ich nicht völlig locker." Einer habe sich mit der Angabe "42 Jahre" vorgestellt, und er habe sich gewundert, weil der Mann viel jünger ausgesehen habe. Es habe sich bald herausgestellt, daß der Häftling nicht sein Lebensalter, sondern die Dauer seiner Haftstrafe genannt hatte. Zum Schluß sang der Chor der Gefangenen spontan ein Gospellied zu Ehren des schwäbischen Gastes, der zwar kaum ein Wort verstand, aber doch ergriffen war. Renz erinnert sich: "Um mich herum saßen dreihundert Jahre Gefängnisstrafe, vielfache Mörder, und sie sangen für mich ein Lied. Als sie anschließend für mich beteten, kämpfte ich mit meinen Gefühlen." Danach ist Renz doch noch in Südamerika gesprungen, allerdings nicht in einen Gefängnishof, sondern auf eine Straße in Medellín. Renz springt tief, und er erlebt viel. Im Tandem springt er gelegentlich mit Leuten, die den Kitzel des Fliegens genießen wollen, ohne das Fallschirmspringen geübt zu haben. Wer solch einen Luftsprung aus einer Höhe von 2500 Metern mitmachen möchte, darf nicht mehr als neunzig Kilogramm wiegen. Bislang hat Renz nur eine Ausnahme gemacht: bei Rezzo Schlauch, dem wuchtigen Grünen-Politiker aus dem Schwabenland.


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