Das Tagebuch zum Projekt: 7 Continent SKYDIVE World Tour

Klaus Renz

Aus dem Tagebuch (Auszüge):
http://www.klaus-renz.de/Inhalt/TBUCH.html

Kolumbien - Südamerika:

Das hier erlebte in Worte zu fassen, ist fast nicht möglich. Wenn ich das so schreibe, dann könnt ihr mir das glauben. Gestern habe ich also einen Sprung über Bogota gemacht. Leider nicht in das Gefängnis "La Modello", da dort noch immer über 1000 Personen/Besucher als Geiseln gefangen gehalten werden. Auch in anderen Gefängnissen gibt es heftige Unruhen. Man hat also einen Sprung in die Militär Artillerie-Schule organisiert. Morgens war ich zu Gast bei Radio Carracol, einem der beiden größten Radio- und Fernsehsender in ganz Kolumbien, der aber in ganz Südamerika ausstrahlt wird. Über eine Stunde ging das Liveinterview und wie ich später erfuhr, hatten sehr viele Leute die Sendung gehört. Mit vielen Ecken und Kanten (keine Genehmigung der Flugsicherung, usw.) konnte ich dann doch am 14.11. um 14.30 Uhr aus 1.600 Meter über Bogota abspringen. Begleitet wurde ich von 4 kolumbianischen Springerkollegen. Bogota selbst liegt über 2.600 Meter über dem Meeresspiegel, und das macht eine Landung mit meinem kleinen Fallschirm wirklich extrem schwierig und interessant. Die Millionenmetropole Bogota in Sicht genoss ich die Schirmfahrt. Bei der Landung half alles schnelle Laufen nichts, und ich kam um einen Kniefall nicht herum. Empfangen wurde ich neben 3 Fernsehkameras von Vertretern von Prison Fellowship International (PFI) und zahlreichen Soldaten, die sich alle das Event nicht entgehen lassen wollten. Alle schüttelten mir die Hand, und fast jeder wollte ein Foto mit mir machen. Es war sehr ergreifend, wie herzlich dieser Empfang war.

In den folgenden Fernsehinterviews wies ich mehrfach darauf hin, dass der Sprung im Namen des Friedens in Kolumbien, der Völkerverständigung und zu Ehren Prison Fellowship International gemacht wurde. Das war also nun die Generalprobe für den Sprung in Medellin. Am Abend wurde dann sehr viel von dem Sprung in den Nachrichten ausgestrahlt. Was dies zur Folge hatte kommt gleich.

Mit einem Flug um 21.45 Uhr flogen Tobias Merckle, Lacides Hernandez und ich nach Medellin, einer der gefährlichsten Städte der Welt. Am Flughafen wurden wir von Julio, einem Mitarbeiter von PFI abgeholt. Die folgenden 30 Minuten Fahrt waren an Spannung nicht zu überbieten und unbeschreiblich. Es war inzwischen 23.00 Uhr, und während der ganzen Fahrt begegneten wir nur 3 Autos. Lacides gab uns ein Bild der Situation der 3 Guerilla-Gruppen und der Paramilitärs, die hier die Macht haben. Um diese Uhrzeit sollte man nicht unbedingt auf der Strasse sein, da es unzählige Überfälle gibt. Na superklasse, und wir waren hier ganz alleine. Es ist dunkel draußen, und wir fuhren die einsame Bergstrecke Richtung Medellin runter, das in der Ferne bereits leuchtete. Kein Mensch war zu sehen, und dies wirkte nicht sehr beruhigend. Ohne große Phantasie zu haben, konnte man sich vorstellen, dass man hier in der nächsten Sekunde von einer Guerilla-Gruppe überfallen wird. Ich übertreibe hier wirklich nicht, und wer es jemals selbst erlebt hat, der weiß, wovon ich spreche.

Auch in der Millionenmetropole Medellin war fast kein Fahrzeug auf der Strasse oder Personen zu sehen. Dies sprach eindeutig für die Gefahr, die hier bei Nacht an jeder Ecke lauert. Kleines Beispiel um die Sache etwas glaubhafter darzustellen: Es wird grundsätzlich an keiner Ampel angehalten, egal ob sie rot ist, da die Gefahr eines Überfalles extrem groß ist. Plötzlich stoppten uns drei mit Maschinenpistolen bewaffnete Motorradfahrer in olivefarbenen Jacken. Sie waren auf den ersten Blick nicht als Polizisten zu erkennen, und Lacides erklärte uns später, dass die Guerillas sich gleich anziehen. Der Moment war an Spannung kaum zu übertreffen. Mit wenigen Worten erklärte Lacides den Polizisten etwas, und ich hörte den spanischen Ausdruck für Fallschirmsprung-Weltmeister und meinen Namen. Die finsteren Mienen der zwei Polizisten breiteten sich zu einem Lächeln aus, und sie sagten, dass sie mich kennen und im Fernsehen heute in den Nachrichten gesehen hatten. Sie traten heran und wollten mir die Hand schütteln, was ich mit erleichternder Miene gerne getan habe. Sie fragten noch nach dem Sprung am Freitag hier in Medellin, wünschten mir viel Glück und ließen uns dann ziehen. Es war wirklich unheimlich hier auf den Strassen, und ab und zu bekamen wir angedeutet, dass dieser oder jener Vorort, den man an den Hängen von Medellin sah, extrem gefährlich ist. Als wir endlich in der Bibelschule, wo wir die nächsten Tage wohnen werden, ankamen, war ich wirklich beruhigt. Hier, so wurde uns mehrfach versichert, waren wir sicher. Der Blick aus dem Fenster meines Zimmers ließ mich ein bisschen von den vielen Lichtern der Stadt und den Armenvierteln auf der anderen Seite des Hanges erblicken. Die Vorstellung hier auf Dauer zu leben, erstickt sofort in der allgegenwärtigen Gewalt auf den Strassen Medellins.

Mittwoch, 15. November 2000

Nach einem schönen Frühstück bei Lacides fuhren wir gegen 10.00 Uhr zum Gefängnis "Bellavista", wo ich eigentlich abspringen sollte. Selbst der Besuch des Generals von IMPEC, der kolumbianischen Gefängnisverwaltung, am Tag zuvor in Bogota, konnte keine positive Erlaubnis erzielen. Die Situation, ausgelöst durch die Revolte im Gefängnis "La Modello", eine Woche vor meiner Ankunft, ist in vielen Gefängnissen noch immer sehr angespannt und von Gewalt geprägt. Obwohl "Bellavista" nicht von der Revolte betroffen war, bestand keine Chance, da man nicht für meine Sicherheit garantieren wollte und konnte. Man stelle sich folgendes unglaubliches vor. Die inhaftierten Bandenchefs im Gefängnis, fünf an der Zahl, arbeiten sehr eng mit PFI und der Gefängnisverwaltung zusammen. Sie alle hatten in einem Schriftstück persönlich für meine Sicherheit bei dem Absprung im Gefängnis garantiert, da auch sie mit dem Sprung ein Zeichen des Friedens setzen wollten. "Bellavista", in dem vor weniger als 10 Jahren noch monatlich bis zu 50 (!!!) Häftlinge innerhalb der eigenen Mauern ermordet wurden, in dem mit den Köpfen von Ermordeten Fußball gespielt wurde (!!!), hat durch die Arbeit von PFI einen einzigartigen Wandel erlebt. In Bibelstunden, christlichen Seminaren und medizinischer Versorgung in den Gefängnissen sowie Betreuung von Angehörigen, Präventivmaßnahmen durch Jugendprojekte, Nachsorge von entlassenen Häftlingen und vieles mehr leisten die Mitarbeiter von Prison Fellowship International in derzeit 88 Ländern aktive Hilfe. Dies geschieht oftmals unter Entbehrung jeglichen Privatlebens und Einsatz aller verfügbarer Kraft. Die christlich humanitäre Vereinigung wurde ca. 1980 gegründet und leistet aus meiner sehr eingeschränkten Sicht beispiellose Arbeit.

Noch nie in meinem Leben hatte ich ein Gefängnis betreten. "Bellavista" wurde für 1.500 Häftlinge gebaut, und heute "leben" dort ca. 6.000 (!!!) Gefangene auf engstem Raum. Als wir mit dem Wagen das erste Tor passierten, konnte ich es nicht glauben, dass ich mich freiwillig in eines der größten und ehemals gefährlichsten Gefängnisse Kolumbiens, in dem noch immer unzählige Mörder und Drogenbosse sitzen begeben habe. Eine endlose Schlange von jungen Mädchen und Frauen stand zum Frauenbesuchstag an. Letzten Sonntag waren es 12.000 weibliche Besucher, erklärte mir Lacides. Er ist der Präsident von PFI Kolumbinen und arbeitet seit ca. 12 Jahren für PFI in "Bellavista". Nachdem wir kurz mit dem Direktor des Gefängnisses und einigen Wärtern gesprochen hatten, gingen wir dann in Richtung Besucherhof. Überall, wo wir auftauchten, wurde sofort nach "El Champion del Mundo de Paracaidismo", gefragt, oder ich wurde gleich als Fallschirmsprung-Weltmeister vorgestellt. Einige der Wärter und Gefangenen hatten meinen Sprung in den Nachrichten gesehen und begrüßten mich mit großem Respekt und Freude.

Dann war es soweit, und wir gingen durch die Schleuse zum Innenhof. Immer nur eine Person wurde registriert. Dies geschaht jedoch nicht per Computer, hier wurde noch mit echten Fingerabdrücken gearbeitet, und so war auch ich nun auf diese konventionelle Weise "handschriftlich" erfasst. Nach kurzer Leibesvisitation wurden wir mit zwei Stempeln auf dem Arm versehen und gingen durch eine weitere Eisentüre. Bereits hier wurden durch eine Zellentüre Spiegel gestreckt, um zu sehen wer kommt. Eine Minute später betraten wir einen Innenhof, auf dem wir neugierig begutachtet wurden. Lacides und auch Jeannine Brabon, ebenfalls eine Mitarbeiterin von PFI, wurden von vielen freundlich begrüßt. Überall saßen meist junge Männer in abgetragenen Kleidern. Einige hatten Besuch, andere beobachteten das Geschehen aufmerksam. Ich befand mich momentan mitten unter Mördern, Terroristen, Drogendealer und Guerilleros. Ich schätzte die Anzahl der Gefangenen, die ich sehe auf ca. 200. Dies war ein unheimliches Gefühl, und ich wusste noch nicht, was ich davon halten sollte. Nach 30 Metern kam eine weitere Eisentüre. Noch befanden wir uns auf der "sportlichen Seite" des Innenhofes. Hier gibt es ein Basketball- und Fußballfeld und wie ich erfahren habe, kommt auf diese Seite des Zaunes nur, wer dafür bezahlt oder Kontakte zu den Wärtern hat. Auf der anderen Seite des Eisengitters, befand sich ein kleiner Kiosk, an dem Pizza und sonstige Kleinigkeiten selbst hergestellt und verkauft wurden. Überall hatte es "fliegende Händler", die mit ihren Bauchläden herumliefen. Mit unserer sauberen Kleidung fielen wir hier extrem auf.

Auf einer Treppe nach oben schüttelten wir viele Hände, aber es gab auch finstere Gestalten, die uns beobachteten. Ich konnte nicht gerade behaupten, dass ich völlig locker war. Zu extrem waren die Gegensätze meines Lebens und das der Menschen hier drin. Im ersten Stock eines Gebäudes, gegenüber der Schlosserei, war die Kapelle, ein einfacher Raum, der weiß gestrichen ist.

Ausgestattet mit einem kleinen Podium und Bestuhlung für 40 Personen, ist dies wirklich ein Ort des Friedens, im Vergleich zum Innenhof. Alle hier drin hatten Jesus in ihrem Herzen aufgenommen und waren gläubige Christen. Einige von ihnen erzählten uns, wie sie zu Gott durch andere Mitgefangene gefunden hatten. Sie nahmen an Bibelkreisen teil, wurden in Religion unterrichtet und hatten wirklich eine Änderung ihres Lebens vorgenommen. Es war fast nicht zu glauben, dass diese jungen Männer, die meisten sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, Mörder oder Dealer gewesen sind. Auch hier wurde ich wieder mit El Campeon begrüßt und schüttelte viele Hände. Da ich eigentlich kein spanisch spreche, passierten in der Verständigung natürlich auch einige kleine Pannen. Als ich mich mit zwei Männern unterhielt, sagte mir der eine, er sei 27 Jahre alt, und der andere gab mir zu verstehen, dass er 42 sei. Ungläubig schaue ich den zweiten an und schüttelte den Kopf mit einer verneinenden Geste. Er war von seinem Aussehen kaum älter als ich einzuschätzen. Ein weiteres Mal bestätigte er mir die Zahl 42. Fassungslos schaute ich ihn an, und dann merkten sie wohl, dass ich vielleicht etwas falsch verstanden hatte. Die beiden sind nicht 27 und 42 Jahre alt, sondern so lange ist ihre Gefängnisstrafe!!!! Das haute mich erst recht aus den Schuhen. Man stelle sich diese Zeit hinter Gittern vor.

Voll von neuen Impressionen verließen wir nach 30 Minuten das Gefängnis.

Zuvor nahmen wir aber noch am Pizzastand eine große Pizza mit. Auch beim Verlassen des Hochsicherheitstraktes mussten wir wieder mit dem Fingerabdruck unsere Identität bestätigen. Nachdem der Wärter mit scharfem Auge die Übereinstimmung anerkannte, durfte ich durch eine weitere Eisentüre wieder in die Freiheit. Ich muss wirklich zugeben, dass es schon ein befreiendes Gefühl war, wieder die Luft der Freiheit atmen zu können.

Gegen 17.00 Uhr kehrten wir noch einmal nach "Bellavista" zurück. Das Team von PFI spielte Fußball gegen die Wärter, jedoch außerhalb des Hochsicherheitsbereiches. Während dieser Zeit hatte ich zum ersten Mal so richtig Zeit, den Tag und die Eindrücke Revue passieren zu lassen. Als ich die Wärter oben auf der Mauer ihre Runden drehen sah, stellte ich mir vor, wie es sich mit 42 Jahren Gefängnisstrafe leben lassen würde. Ich kam zu keiner annähernd passablen Lösung. Diese Männer, die ich heute kennen gelernt hatte, fanden und finden durch Jesus und das Wort Gottes in der Bibel, den Weg, diese Last zu tragen, so berichteten sie mir.

Da es ja nun keinen Sprung innerhalb eines Gefängnisses gab, versuchte man einen Sprung in der Innenstadt von Medellin zu organisieren. Auch hier gab es einen zivilen Fallschirmspringerclub, der bei der Durchführung und Organisation behilflich sein sollte. Ich wusste nicht, wie weit die Vorbereitungen waren, aber ich hoffte, dass alles klappen würde.

Beim Einschlafen musste ich immer wieder an "Bellavista", die Gefangenen und die Eindrücke denken, die ich mitgenommen hatte.

Donnerstag, 16.11.2000 Medellin / Kolumbien

Bereits um 7.30 Uhr sollte ein Interview mit einem Journalisten von "El Tiempo", der größten Zeitung in Kolumbien im Haus von Lacides stattfinden. Da dies kolumbianische Zeit war, tauchte der Reporter kurz nach 8.00 Uhr auf. Das war hier eben so, und man konnte es nicht ändern. Fast eine Stunde dauerte das Gespräch, und es sollte am nächsten Tag, dem Tag des großen Südamerika-Sprunges, ein großer Bereicht erscheinen. Da wir später wieder in "Bellavista" sein würden, sollte dort ein Fotograf hinkommen, der ein Bild von mir im Gefängnis machen würde.

Heute hatten wir eine offizielle Audienz beim Direktor des Gefängnisses, und er empfing uns freundlich. Mit ein paar Sätzen bedankte er sich für mein Kommen und den positiven Aspekt meines geplanten Sprunges in sein Gefängnis. Gleichzeitig entschuldigte er sich vielmals, dass die oberste Gefängnisadministration von Kolumbien die Genehmigung des Sprunges doch wieder zurück ziehen musste. Er genehmigte mir jedoch, meine Videokamera und den Foto ins Innere des Gefängnis mitzunehmen. Dies war ganz und gar nicht üblich, denn die Bitte den Pressefotografen für eine Aufnahme innerhalb der Mauern zu autorisieren, lehnte er ab.

Ungläubig wurde die schriftliche Genehmigung zur Mitnahme meiner Kameras am "Fingerabdruck-Checkpoint" begutachtet. Erst nach einigen Telefonaten, durften Tobias, Jeannine und ich die Schleuse passieren. Diesmal bekamen wir jedoch einen Wärter als Begleitung mit. Ich wusste nicht, ob er zu unserem Schutz war oder aufpassen sollte, dass wir nichts Falsches filmen oder fotografieren. Beim Gang über den Besucherhof, dort wo sich das Leben der Gefangenen tagsüber abspielt, traute ich mich jedoch nicht eine Kamera zu zeigen. Mir war nicht ganz wohl in meiner Haut, wenn ich daran dachte, für welche Kleinigkeiten hier bereits gemordet wurde. Nach einem erneuten kurzen Besuch in den Räumen der Kapelle wurden wir von Horacio, einem 22-jährigen Anführer unter den Christen, eingeladen, noch einen Schritt weiter in das Innere der Strafanstalt zu gehen. Damit war der Besuch in einem Patio, einem Zellenblock gemeint. Jeder Patio hat einen Cacique, das ist der Anführer, der über alles bestimmt, was in seinem Block geschieht. Ich hatte in dem Buch viel darüber gelesen, aber so richtig glauben konnte ich manches nicht. Auch hier mussten wir wieder einen Kontrollposten passieren. Den Foto und die Videokamera hatte ich dabei, aber ich gab die Tasche Horacio, das schien mir sicherer.

An dieser Stelle blieb unser Wärter zurück. Die Wärter betraten die Patios nur zum schließen der Zellen, da sie hier nicht sicher waren.

Als wir über den kleinen Hof liefen, erklärte mir Jeannine, dass dies hier die im Buch erwähnte Stelle ist, auf dem sie mit den Köpfen von ermordeten Häftlingen Fußball gespielt hatten. Das war wirklich die traurige Wahrheit, die sich hier noch vor nicht einmal 10 Jahren abspielte. Elkin, ein ehemaliger Gefangener, der heute als Pastor arbeitet, erzählte mir dies ebenfalls vor ein paar Tagen. Er saß zu dieser Zeit hier ein und hatte diese schlimme Zeit miterlebt. Im Treppenhaus standen ein paar Spielautomaten und überall lagen oder saßen die Insassen dichtgedrängt auf dem Boden oder auf Steinbänken. Wir mussten in das zweite Obergeschoss. Auf dem Weg nach oben kam die nächste Schauergeschichte, die leider auch bittere Wahrheit ist.

Hier im Treppenhaus warfen sie einfach die ermordeten Insassen herunter, und das Blut lief in Strömen die Treppe herunter.

Endlich kamen wir durch den schmalen Korridor auf die Zelle zu. Der Korridor ist nachts Schlafplatz für viele Gefangene, die sich kein Bett "kaufen" konnten. Alles hier drin geschieht nur mit Geld, das an den Cacique zu bezahlen ist. Wer hier ohne Geld einsitzt, hat weder ein Bett noch andere Begünstigungen zu erwarten. Wir betraten die Zelle, die in mehrere kleine "Räume" unterteilt ist. Ich konnte zunächst 4 Parzellen mit jeweils 2 x 2 m entdecken. Unterteilt waren diese durch Holzbeschläge, und herabhängende Decken. In einer Höhe von ca 1,60 m wurden notgedrungen aus Holz Decken eingezogen, um darüber auf minimalstem Raum weitere Schlafplätze zu schaffen. Diese Miniräume waren jedoch nur 60 cm hoch. Im Durchschnitt hatte hier jeder nur 1,5 qm zum Schlafen und Leben. Es war unendlich heiß hier drin, und die Luft war zum Schneiden schlecht. Die meisten der ca. 20 Männer waren kaum älter als 25 Jahre und lagen mit ihren tätowierten Oberkörpern in der Zelle. Nach wenigen Minuten kamen wir in den kleinen "Zweier-Raum" von Horacio, wo wir uns auf den beiden Pritschen niedergelassen hatten. Wo ich saß, wurden zu schlimmsten Zeiten schon mehrere Gefangene ermordet, zerstückelt und in Plastiktüten in den Abfall geworfen, erzählte uns der 22-jährige Horacio und Jeannine, die seit 15 Jahren hier ein- und ausgeht, bestätigte dies. In den folgenden 30 Minuten erzählten mir einige, wie sie ihren Weg zu Jesus gefunden hatten und ihn in ihren Herzen aufgenommen hatten. Es war ergreifend ihnen zu zuhören, und der enge, stickige Raum tat sein übriges dazu. Jeannine, die zweisprachig englisch und spanisch aufgewachsen ist, übersetzte die ganze Zeit.

Sie alle wussten von meinem geplanten Fallschirmabsprung hier im Gefängnis und konnten es kaum fassen, dass ein Weltmeister sich aus ihrer Sicht "herablässt" zu ihnen in das Gefängnis und dann sogar noch in die Höhle des Löwen, bis in die Zelle zu kommen. Ich erklärte ihnen, dass ich ein Mensch aus Fleisch und Blut bin, wie sie auch.

Natürlich stellten sie viele Fragen über mein Leben, meine vielen Fallschirmabsprünge und warum ich gerade diesen Ort als Ende der "Guinessrekord-Tour", wie sie es nannten, gewählt habe. Ein weiteres Mal erklärte ich die Hintergründe meiner Wahl für das Land und "Bellavista".

Dann fingen sie an und sangen ein Gospel-Lied für mich. Obwohl ich nicht verstand, um was es in dem Lied ging, war ich zu tiefst ergriffen. Um mich herum saßen 300 Jahre Gefängnisstrafe, vielfache Mörder, Killer und sie sangen für mich ein Lied. Als sie anschließend noch für mich beteten, kämpfte ich wirklich innerlich mit meinen Gefühlen. Mit welcher Kraft und Würde trugen diese Menschen hier ihr zweifelsohne selbstverschuldetes Schicksal und sangen, beteten und sorgten sich noch um jemanden anderen.

Als wir später wieder in der Kapelle waren, traf ich einen weiteren "Führer" der Christen. Er war Bodyguard und "Sicarro" (Killer) in einem Drogenkartell. Er unterrichtete heute in der internen Bibelschule und hatte noch 15 Jahre hier drin vor sich. Wenn er hier rauskommt, wird er sofort untertauchen müssen, da er so viele Feinde hat, die ihn sofort umbringen würden. Obwohl er keinen Schulabschluss hatte, unterrichtete er das Wort Gottes und hatte vielen anderen hier drin, Lesen und Schreiben beigebracht.

Er war nur ein Beispiel von vielen, das ich hier kennenlernte.

Das Geschehen auf den Strassen Kolumbiens wird auch heute noch aus den Gefängnissen geleitet. Die Macht der Bosse hier drin beschränkt sich keinesfalls auf die Mauern, die das Ende der Freiheit bedeuten. Dass dies auch positiv genutzt wird, zeigt u.a. ein Friedensprozess, der aus den Gefängnismauern heraus gesteuert wird.

Ich bin sehr weit von meinem Bericht über die Vorbereitungen zum Südamerikasprung abgeschweift, aber es war mir nicht möglich diese Erfahrungen und das Erlebte einfach nur so für mich zu behalten. Es ist mir vermutlich auch nicht gelungen, alles so zu schildern, damit es jedem verständlich ist. Wer aber nur annähernd sich in die Situationen versetzen kann, in denen ich war, der wird die innere Achterbahnfahrt meiner Emotionen verstehen können. Der einfache Besuch meiner Person in der Zelle gab den Gefangenen Hoffnung, Kraft und Zuversicht, berichtete mir Jeannine ein wenig später. Ich werde ihnen wohl lange in Erinnerung bleiben, und dies wird meinerseits nicht anders sein.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit besichtigten wir dann noch den geplanten Landeplatz im Zentrum Medellins. Die beiden Brüder Edwin und Gerardo Neira organisierten den Sprung. Sie betreiben einen kleinen Sprungplatz ca. 1 Autostunden von Medellin. Bei der Ortsbesichtigung keine 20 Stunden vor dem Sprung auf einen öffentlichen Platz, hatten sie jedoch nur ein Genehmigung der Flugsicherung. "No problema" versicherten sie uns auf die Frage nach der Zustimmung der städtischen Behörden. Es sei schließlich ein öffentlicher Platz, und da kann jeder machen, was er will. Na, wenn das mal gut geht.

Freitag, 17. November 2000, Medellin / Kolumbien

Heute war bereits um 8.00 Uhr ein Live-Interview im Radio geplant, aber das fand dann auch erst um kurz nach 8.30 Uhr statt. Schon zuvor hörte ich die Ankündigung meines Sprunges in einer kurzen Einblendung.

Um 10.00 Uhr traf ich mich mit Gerardo und Edwin Neira, meinen beiden kolumbianischen Springern, die das Genehmigungsverfahren abwickelten und das Flugzeug organisierten. Mit ihnen fuhr ich auch zum nahe gelegenen Flugplatz. Als wir zum Hangar kamen, sah ich, dass einige Mechaniker am Motor schraubten und ein anderer am Vorderrad. Es sah wirklich nicht so aus, als ob die Maschine in den nächsten 30 Minuten fertig würde. Leichte Nervosität machte sich breit. Als ich dann auch noch auf der Landebahn am anderen Ende der Piste ein kleines Flugzeug mit eingeknicktem Bugrad liegen sah, trug dies nicht gerade zur Beruhigung bei. Die kleine Maschine musste soeben gelandet sein, und dabei einen Schaden am vorderen Rad davon getragen haben. Meine Vermutung mit unserem Flugzeug war richtig. Es würde auf keinen Fall fertig, und zum Glück hatten meine beiden Mitspringer und Organisatoren eine Plan B und C im Kopf. Kurzfristig wurde eine andere Maschine gechartert.

Um 11.30 Uhr hoben wir dann mit der Plan B Cessna ab und überquerten in ziemlich niedriger Höhe Medellin talauswärts. Ein grandioser Blick auf die Millionenstadt bot sich mir, als ich aus der offenen Türe schaute. Nach wenigen Minuten Flug sah ich dann auch "Bellavista". Die klaren Umrisse der Mauern und die Zellenblocks waren überdeutlich zu erkennen, und ich war froh, dass ich hier oben und nicht da unten war. Entlang der Bergkante stiegen wir in Anbetracht der Höhe von Medellin (ca. 1.500 m über dem Meeresspiegel) nur sehr langsam. Der wolkenverhangene Himmel hatte sich aufgetan, und es schien ab und zu die Sonne. Auf 3.000 m Höhe hatten wir nur noch null Grad. Gerardo würde mit meiner Helmkamera springen, Edwin und ich wollten im freien Fall die kolumbianische Flagge halten.

Mit dem üblichen "Ready-Set-Go" sprangen wir um kurz nach 12.00 Uhr ab. Bis wir die Fahne komplett entfaltet hatten, vergingen ungefähr 10 Sekunden, aber dann blieben mir ein paar Sekunden, den Sprung mitten über der Stadt Medellin zu genießen. Ein endloses Häusermeer, eingebettet zwischen den Bergen lag unter mir. Gerardo filmte und fotografierte aus allen Lagen und umschwirrte uns wie ein Biene den Honig.

In 1.500 m gab ich Gerardo das Zeichen zum Ziehen seines Fallschirmes. Als er diesen öffnete, ließ ich die Fahne los. So war alles vorher vereinbart, und es klappte wunderbar. Noch während ich mich im freien Fall von Edwin wegbewegte, sah ich wie auch er den Fallschirm öffnete. Dann leitete auch ich nach ein paar weiteren Sekunden die Öffnung ein und hing am Fallschirm.

Es war geschafft!!!! Sieben Kontinente in einem Jahr!!! Die Landung war nur noch Formsache. Auch am Schirm schoss Gerardo tolle Bilder und Videoaufnahmen. Das Landegelände war die Strasse vor dem Edificio Intelligente, einem modernen Bürogebäude. Mit einer letzten Kurve schwebte ich die Strasse entlang und setzte supersanft auf. Sofort kamen die Reporter und Fernsehkameras. Ich aber konnte zuerst mein Glück über diesen gelungenen Abschluss meiner "Seven Continent Skydive - World Tour 2000"; kaum fassen. Diese Leistung müsste eigentlich für den Eintrag ins Guinnesbuch der Rekorde reichen. Ca. 6 Journalisten und 5 verschiedene Fernsehsender waren anwesend. Im Interview erwähnte ich natürlich, dass dieser Sprung dem Frieden in Kolumbien, Prison Fellowship International und den Insassen von "Bellavista" gewidmet war.

Am Abend verfolgte ich tatsächlich auf 5 TV-Programmen in den Nachrichten den Bericht über den Sprung und auf die Presseartikel am nächsten Morgen war ich auch schon gespannt. Dies war wirklich der krönende Abschluss.

Klaus Renz

Einige Fotos sind hier zu sehen:
http://www.klaus-renz.de/Inhalt/SUEDAMERIKA.html


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